Dem Elend ins Auge blicken

Unser Zug nach Gaya sollte um 5 Uhr morgens abfahren. 3 Uhr aufstehen. Wir können die ganze Nacht nicht wirklich schlafen weils so laut draußen ist. Um 3 check ich im Internet den Zug. 3 Std Verspätung. Also wieder ins Bett und dösen… jede Stunde aufs Handy schaun und die Homepage checken. Verspätung. Immer mehr. Um 9 entscheiden wir uns zum Bahnhof zu fahren. Dort angekommen warten wir noch 3 Stunden. Den richtigen Bahnsteig zu finden ist auch nicht leicht bei ständig verändernder Ankunftszeit und vorallem hab ich am Bahnhof kein Internet um selbst nach zu sehen.

Am Bahnhof weit und breit keine Touristen. Generell haben wir kaum Touristen in Varanasi gesehen. Hier am Bahnhof fallen wir natürlich wieder total auf. Die Menschen starren uns an. Die Inder hier haben grundsätzlich einen finsteren Blick drauf und den verändern sie auch nicht, wenn sie sich direkt vor dich hinstellen und dich mit verschenkten Armen anglotzen. Mich ganz besonders. Es stellen sich 10 Männer vor mich und starren mich an. Mit Blicken die ich fast nicht aushalten kann. Ich zieh mir bei 35 Grad meine Weste an. Vielleicht ist es ja die weisse Haut von der sie nicht die Augen lassen können. In solchen Momenten wünsche ich mir eine Burka her. Damit wäre ich Unsichtbar. Das wäre für mich ein sinnvoller Einsatz. Wenn ich in mein Buch sehe, lese und „abgelenkt aussehe“ kommen sie immer näher zum glotzen. Wenn ich aufsehe, gehen sie ein paar Schritte weg. Was das für Gefühle in mir auslöst…. ich kanns nicht beschreiben…Angst, Unbehagen, Mitleid? … dem Stand zu halten mit der ständigen Ungewissheit kommt der Zug, sind wir am richtigen Bahnsteig… ich muss mir mental so gut zu reden um nicht die Nerven zu verlieren. Als ich grad mein Frühstück esse, einen kleinen trockenen Muffin, kommt einer der vielen verkrüppelten Bettler zu mir und streckt die Hand aus. Ich geb ihm den Muffin. Eine Stunde später ein kleines, dreckiges, verfiltztes, fast nackiges Mädchen… streckt die Hand zu mir aus und deutet auf ihren Mund. Ich geb ihr unsere letzten Kekse. Das wars mit Frühstück für uns. Der Appetit ist uns eh vergangen.

Endlich kommt der Zug! Hoffentlich ist er auch wirklich der Richtige. Rein mit uns und auf unseren gebuchten Platz in der Sleeper Class (eine der günstigsten Klassen). 

Eigentlich ganz witzig da oben und aus dem offensichtlichen Blickfeld von den lüsternden Männern. Aber Laurent hat kaum Platz. Is halt für kleine Inder gemacht. Nach 4 Stunden Fahrt und bangen (Wo müssen wir aussteigen?? Wir haben ja nicht mal ein Fenster und Durchsagen gibt es auch keine. Die Leute rund um uns können entweder kein Englisch oder wissen auch  nicht wann Gaya kommt) schaffen wir es tatsächlich am richtigen Bahnhof vom Zug zu springen. Jetzt noch eine 30 minütige Tuktuk Fahrt nach Bodhgaya bzw in das Dorf in dem die Schule liegt. Der Fahrer kann kein Englisch und erst nach 20 Minuten merken wir dass er offensichtlich nicht weiß wo unser Hostel und die Schule ist. Mit durchfragen schaffen wir’s letztendlich doch. Es ist schon fast dunkel und wir sind am Ende unserer Kräfte.

 Im Charityprojekt ist keiner anzutreffen. Der deutsche Gründer ist in Germany und der indische Kollege nicht da. Der Bruder des indischen Chefs kann auch kein Englisch aber bringt uns zumindest in unser Zimmer. Das Zimmer ist dreckig und abgefuckt. Im Klo das Durchfall vom Vorgänger, die Kissen gelb, fleckig mit Haaren drauf und im ganzen Zimmer riecht es nach Misthaufen. 

Wir machen uns nochmal zu Fuß auf den Weg ins Dorf um irgendwo etwas Essbares zu finden. Es gibt offensichtlich nur Streetfood mit so vielen Fliegen darauf, dass wir uns einfach nicht trauen dort was zu essen. Jetzt sind wir wirklich im wahrhaften Elend angekommen. Irgendwann finden wir was, dass sich „Restaurant“ nennt. Dort essen wir fettige Nudeln und Tomaten-Käse-Toast. Schmeckt eigentlich nicht aber der Hunger ist stärker. 

Das Dorf in dem wir hier sind, liegt in Bihar, das ist der ärmste Bundesstaat Indiens. 

Nachts können wir nicht schlafen. Sooo laut. Das hupen, die Musik, das Beten über die Lautsprecher…. und dann der Gestank dazu. Unser Zimmerfenster geht zum Kuhstall raus.

Am nächsten Morgen hab ich Durchfall. So schlimm dass ich nicht vom Klo wegkomm. Jetzt wirds Zeit für die Immodium. Hier in dem schmuddeligen dunklen Zimmer darf ich nicht bleiben, da verlier ich sonst echt die Nerven. Ich brauch Ablenkung. Also raus ins Dorf, die Tempel besichtigen. In Bodhgaya hatte Buddha seine Erleuchtung. Deshalb pilgern hier die Buddhisten alle her. Der Weg durch die Strassen ist wieder mit Elend, Dreck und finsteren Blicken mir gegenüber geprägt. „Durchhalten  Linn, Stark sein“ wird mein neues Mantra. 

In den Tempel dürfen wir nicht rein, weil hier auch ein Terroranschlag war und wir die Handys nicht mit rein nehmen dürfen. Also doch lieber „Restaurant“ suchen. Dort esse ich Plain Rice und trink einen Ingwertee. Renn 3x zwischendurch aufs Klo. Ach Gott wie mühsam… 😦 

Beim Weg zurück wird mir wahnsinnig schlecht. Die ganzen verschiedenen Gerüche, vom Rauch, verfaultem Obst, Kuhkacke, Kanal,  etc. machens auch nicht besser. Ich versuchs so lang wies geht auszuhalten und kotz letztendlich aufn Marktplatz. Ich kotz mir die Seele aus dem Leib. Jetzt ist echt mein Tiefpunkt. 

Zurück im Hostel reden Laurent und ich über das Erlebte. Ich bin so aufgelöst durch den Schlafmangel, die Magen-Darmbeschwerden… den ganzen Eindrücken. Mir kommen die Tränen. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich fühl mich so verloren. So unfrei. So schlecht. Ich seh keinen Ausweg. Wie soll ich das noch 2 Wochen aushalten? Laurent gehts körperlich gut und auch mental ist er stärker als ich. Aber ihm geht das Elend natürlich auch nahe. 

Ich schreib meiner Freundin Betti die meine Flüge verwaltet und frage ob umbuchen möglich ist. Ich muss hier weg. Ich schreibe meinen Eltern und frage nach Rat: Durchhalten oder Abhauen? Die Antwort: Definitiv Abhauen und besser sofort! Auch meiner besten Freundin klage ich mein Leid, ihre Antwort: Linn das ist eure Reise und eure Zeit, wieso wo bleiben wo man sich nicht wohlfühlt. Du bist ja frei.  Da kommen wieder die Tränen. Wie recht sie alle haben! Frei habe ich mich seit wir hier in Nordindien angekommen sind, keine Sekunde lang gefühlt. Also Betti sofort das Ok gegeben: bitte umbuchen!!! Die gute Seele hat alles in ihrer Macht stehende (und in unserem Budget liegende) gemacht und uns auf einen Flug in 5 Tagen umbuchen können. 5 unerträglich lange Tage. Aber besser als 15!!! 

Die letzten 5 Tage waren geprägt von Durchfall, Magenschmerzen, Nierenschmerzen, Übelkeit, nur Wasser und trockenen Toast intus. Kein Wasser, oft Stromausfall, Ratte, Grashüpfer, Käfer, Spinnen im Zimmer. Nachts draußen jaulende Revierkämpfe der Strassenhunde. Hab ich den Gestank schon erwähnt? 

Der Kuhlstall neben unserem Fenster

Die anderen paar Backpacker die es auch hier her verschlägt, bestätigen mich alle. So schlimm wie hier in Nordindien ist es nirgends. 

Carlos aus Ibiza ist seit einem Jahr mit dem Rad unterwegs. Von Spanien nach Australien. Der ist vielleicht cool drauf. Waren echt super interessante Gespräche mit ihm über Themen Kulturschock, seine durchreisten Länder und Heimweh. 

Auch ein Deutscher Auswanderer, der Zuhaus alles verkauft hat und seit einem Jahr durch Indien reist… sagt ihm zieht das Elend hier auch echt besonders runter. Auch mit ihm haben wir interessante Gespräche. Die finden zwar alle auf der Strasse am Boden statt, weil zum sitzen gibts hier garnix. Aber gut, hauptsache bisschen Kontakt und Möglichkeit sich auszutauschen. 

Die Schule 

Am letzten Tag gehts mir körperlich wieder halbwegs gut, zwar noch keine Energie, aber zumindest keine Schmerzen mehr. Endlich sehen wir mal die suuuuper süßen Kids hier!!! 

Die Schule ist ein Charity Projekt in dem die Ärmsten der Ärmsten Unterricht und eine warme Mahlzeit bekommen. Tolle Sache und die Kinderaugen lassen mich wieder strahlen. 

Am Nachmittag holen wir die Tempel Besichtigung nach. Shravan (der 13 jährige Bibliothek Aufseher) ist super süß und hat sich die letzten Tage mit uns angefreundet. Er fragt ob er mitkommen darf: Ja klar!! 

Buddhastatue 

Buddhistischer Tempel

Heute ist es nun soweit: Endlich können wir dieser Hölle entfliehen!!! Drückt uns die Daumen das alles klappt!!!! 

Unsere Verbündete: eine anhängliche Hündin.

Wie glücklich bin ich den starken Laurent an meiner Seite zu haben. Hätte er auch geschwächelt hier, hätte ich dass nicht überstanden. Ich liebe dich mein Schatz! Bis zum Mond und zurück. 

4 Kommentare zu „Dem Elend ins Auge blicken“

  1. Da bekomm ich ja schon Herzklopfen wenn ich euren Bericht lese. Hoffentlich kommt ihr da bald raus und könnt eure Auszeit wieder ein bißchen genießen. Alle Liebe Theresia

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  2. Wow 😳 man fühlt und leidet richtig mit mit dir/euch mit, wenn man den Bericht liest! Hoffe, ihr konntet die starken Eindrücke der Stadt mittlerweile schon etwas verdauen (und oft bringen einen Krisen ja auch wieder ein Stück näher zu sich selbst 😉)

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    1. Ja diese Erfahrung zu verarbeiten wird dauern…. Danach wieder in den unbeschwerten Reiseflow zu kommen is garnicht so einfach.
      Aber ich fühl mich wieder wohl in meiner Haut und sicher. Und freu mich auf die kommende Zeit 💕 Bald bekommen wir ja auch Besuch von Zuhause… nach 6 Wochen zu zweit auch eine willkommene Abwechslung 🤗

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