Varanasi – City of Death

Es wär ja nicht so, als wären wir nicht vorgewarnt worden. Jedem den wir in Nepal erzählt haben, dass wir jetzt nach Varanasi fliegen, hat uns gesagt dass das ein Fehler ist. Lieber vorher Indien und dann relaxen in Nepal. Hit, unser Guide beim Trek sagte INDIA – heißt: I Never Do It Again. 

 

Aber wir waren positiv, neues Abenteuer, neues Glück. Und ich war ja schon in Indien und wollte ja ganz bewusst nochmal her. Außerdem war Varanasi ein Highlight für mich. Varanasi ist die älteste Stadt in Indien und eine der ältesten der ganzen Welt. Außerdem das Mekka der Hindus. Jeder Hindu sollte einmal im Leben in Varanasi gewesen sein und sich im heiligen Ganges von seinen Sünden frei waschen. Es gibt über 100 Tempel hier. Und das wichtigste: wenn man in Varanasi stirbt bzw als Leiche hier hergebracht wird, verbrannt und in den Ganges geschmissen wird, kommt man direkt ins Nirvana. Die Hindus glauben ja an Wiedergeburt und Karma. Nur durch ein sündenfreies Leben kann man im nächsten Leben eine Kaste aufsteigen. Um diesem Kreislauf zu entgehen, kann man sich in Varanasi verbrennen lassen, dann kommt man direkt (ohne Wiedergeburt) ins Nirvana und erhält Erlösung. Das faszinierte mich. Diese Energie wollte ich spüren. Also los, auf nach Varanasi – City of Death. 

Unser Flug von Kathmandu über Delhi nach Varanasi war total stressig. Ausreise in Nepal ist schon mit Formular ausfüllen und Hektik geprägt…und Einreise in Indien war dann nur noch Stress pur. Die Flugverspätung stresste uns zusätzlich… 10 mal an verschiedenen Schalter anstehen, Formulare ausfüllen, Sicherheitskontrollen, Visa vorzeigen, erzählen wo wir herkommen, wo wir hinwollen, wieso weshalb warum. Die Inder an den Schaltern haben garkeinen Stress. Im Schneckentempo fertigen sie die Passagiere ab. Wir platzen fast vor Nervosität… geht sich alles zeitlich aus?? Unser Gepäck wird nicht durchgecheckt bis Varanasi. Endlich kommen wir zum richtigen Gepäckband. Unsere 2 Rucksäcke liegen einsam und verloren noch drauf. juhu! Schnell damit zum Check In um diese wieder aufzugeben. Nach stundenlangem Stress und bangen, endlich am richtigen Gate, rechtzeitig. Puhh. 

Angekommen in Varanasi fahren wir mit dem Taxi 1.5 Std in die Stadt rein. Rushhour. Es ist schon dunkel. Unser Taxifahrer weiß offensichtlich nicht wo unser Hostel ist. Der Verkehr ist soooo verrückt. Wir kommen am vollen Elend vorbei. Nur Slums und Armut. Laurent und ich fühlen uns garnicht wohl. Aber ja, das ist Indien. Kulturschock deluxe. 

Endlich angekommen, müssen wir noch ein Stück zu Fuß gehen. Es stinkt so abartig. Wir müssen aufpassen beim gehen um nicht in die Hundescheisse und Kuhfladen, am Boden schlafenden Hunde (abgemagert und zerfessenes Fell), versiffte Pfützen stinkenden irgendwas, Ratten oder im Dreck sitzenden Kindern zu steigen. Alles ist so dermaßen abgefuckt und die Menschen starren uns mit skeptischen, bösen Blicken an. Ach gott… am liebsten wär ich sofort wieder zurück nach Nepal. Aber der Kulturschock ist sicher ganz normal… im Hostel treffen wir ein australisches Pärchen die 3 Monate in Nepal waren. Wir schwärmen von dem wundervollen Land und fühlen uns dank unseren Verbündeten gleich wieder wohler. 

Am nächsten Tag machen wir mit Atul dem Hostelchef eine Tempeltour. Er zeigt uns die drei wichtigsten Tempel in Varanasi. Außerdem den besten Chai der Stadt. Hier wird der Masalatee in Einweg Tontassen serviert. Er schmeckt super lecker. Atul ist ca. 30 und groß, muskulös und bärig. Ganz untypischer Inder irgendwie. Er ist von seiner Art her sehr westlich und modern. Im ersten Tempel erklärt er uns ganz viel über den Hinduismus, mega interessant für uns und irgendwie werden wir ganz erfürchtig. Atul ist Brahmane, also die oberste Kaste im Hinduismus. Er hat Sanskrit studiert und sich gegen ein Leben als Sadhu (Gläubige die ihr Leben Gott witmen, den ganzen Tag nur beten, meditieren und kiffen) entschieden. Er wollte nicht von Spenden leben. Er entschied sich ein Business aufzumachen. Aber er ist total überzeugt von seinem Glauben. Wir stellen ganz viele Fragen und erfahren alles über die verschiedenen Götter, die Rituale, die Geschichte und den gelebten Glauben in Varanasi. Wir werden von einem Priester gesegnet und flüstern einem Stier aus Stein unseren Wunsch ins Ohr. Bekommen einen roten Punkt auf die Stirn, eine Blumenkette um den Hals und einen rotgelben Faden ums Handgelenk gewickelt. Atul übersetzt: der Priester hat uns eine baldige Hochzeit und viele Kinder gewünscht. 

Im nächsten Tempel dürfen wir nichts mit rein nehmen. Hier gab es einen Terroranschlag, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Mein ohnehin schon sehr unwohles Gefühl in dieser Stadt verstärkt sich immer mehr. Wir sehen den Hindus beim beten und chanten zu, schon interessant wie stark gläubig diese Menschen sind. Sooo überzeugt. Wir lauschen gespannt Atuls Erzählungen. Mittlerweile ist es schon dunkel. Atul zeigt uns ein Süßigkeiten Ständchen … das kaufen die Hindus und opfern es den Göttern. Wir kosten ein Kichererbsen Bällchen , dass genau NUR nach Zucker schmeckt. Und Konfekt aus Milch.. auch eklig. Nicht unser Geschmack. Atul liebt es. Macht ihn noch sympathischer. Passt irgendwie zu ihm, der große bärige Atul – ein Zuckermäulchen. 

Auch der dritte Tempel beeindruckt uns… man kann sehen wie uuuralt hier alles ist und die Menschen in ihren geschäftigen Ritualen … echt interessant. Atul erklärt uns, dass schon wieder ein Festival gefeiert wird zurzeit. Die Frauen fasten drei Tage (auch kein Wasser!) um einen Sohn zu gebären. Am dritten Tag baden sie dann alle im Ganges und verschenken Früchte an die Armen. Das soll bewirken einen Sohn zu bekommen. 

Diese paar Stunden mit Atul waren die einzigen in denen ich mich halbwegs sicher und wohl gefühlt hab in Varanasi. Wenn Laurent und ich alleine unterwegs waren…. fühlte ich mich unendlich verloren. Es sind sooo viele Menschen auf den Straßen, so viele komplett verwarloste und abgemagerte Hunde, sooo viele Kühe, tonnenschwere Stiere mit riesigen Hörnern und Hoden und Wasserbüffel auf der Straße. Laurent wurde zweimal von einem Stier angerempelt. Das ist echt nicht lustig. 

Alles ist soo unglaublich abgefuckt. Und die Energien hier machen mich komplett fertig. Es ist einfach alles zu viel. Sooo laut. Sooo heiß. Soo viel Elend.  Die Menschen starren uns mit skeptischen bösen Blicken an… es hat 36 Grad…. es stinkt soo abartig. Es gibt keine Restaurants und wenn, dann nur abgefuckte… ich schaffs einfach nicht mich hier wohl zu fühlen. Nachts können wir nicht schlafen weil dauernd irgendwelche Schüsse, Raketen, Böller zu hören sind, laute Musik aus krachenden Boxen, und Gebete aus Lautsprecher. 

Der Tod ist allgegenwärtig.

Am nächsten Tag machen wir um 5 Uhr früh eine Bootsfahrt auf dem Ganges zum Sonnenaufgang. Endlich seh ich ihn. Den Ganges. Den Heiligen Fluss. 

Das ist eine Drecksbrühe das glaubt ihr nicht. Der 7. dreckigste Fluss der Erde. Der Wert an Kolibakterien in dem Fluss ist 2000 mal höher als der zugelassene Höchstwert in Indien. Hier wird giftiges Industrieabwasser reingelassen, Pisse und Scheisse (gibt ja keine Kanalisation hier), Müll, und Leichen. Ich ekel mich sooo dermaßen vor dem Wasser. Wir fahren mit dem Boot an den Ghats entlang und sehen den Menschen beim baden und ihre Kleidung waschen zu. Sie baden in dem Fluss und trinken das Wasser. Es ist kaum zu glauben. Ich halt das alles kaum aus. 

Wir kommen zu den Verbrennungsghats und sehen die Kühe in den verbrannten Scheiterhaufen nach essbaren wühlen. Auch die Hunde wühlen mit ihren Schnauzen in der noch rauchenden Asche. Mir kommt echt das kotzen. 

Am Nachmittag machen wir uns nochmal zu Fuß auf den Weg zu den Verbrennungsghats. Ein Typ gwatscht uns an und lässt sich nicht abwimmeln. Wir hören uns seine interessanten Infos zu den „Funerals“ an. Also wie schon erwähnt, ist ja das sterben und verbrannt werden in Varanasi das beste was einem Hindu passieren kann. Von ganz Indien pilgern die Menschen hierher und bringen ihre Verstorbenen ans Ufer des Ganges. Es gibt 5 Ausnahmen. Schwangere, Kinder und Babys, Leprakranke, Sadhus und Menschen die von Tieren umgebracht wurden (zb Schlangenbiss) werden nicht verbrannt sondern einfach so im Fluss versenkt. Die fünf Ausnahmen sind schon rein und müssen daher nicht verbrannt werden. 

Hier brennt seit 3500 Jahren ein Feuer das noch nie ausgegangen ist. Eine Schichtmannschaft von Sadhus „lebt“ direkt neben dem Feuer und betreut es 24 Stunden lang. Mit diesem Feuer werden die Scheiterhaufen entzündet. 

Wir sehen ca 8-9 Leichen… in orange Tücher gewickelt. Frauen dürfen bei den Verbrennungen nicht dabei sein. Tränen bringen Unglück und früher haben die Frauen so viel geweint und manchmal ist die heulende Ehefrau ihrem verstorbenen Gatten uns Feuer nach gesprungen. Deshalb sind Frauen jetzt nicht mehr zugelassen. 

Wenn eine Frau stirbt dann übernimmt der Ehemann den wichtigsten Part der Zeremonie. Wenn ein Mann stirbt dann der älteste Sohn. Und bei einer Witwe der jüngste Sohn. Dem jenigen werden alle Haare und Bart abrasiert. Als Zeichen der Trauer und des Respekts. 

Als erstes werden die Leichen in den Ganges getunkt. Dann 3 Std in der Sonne getrocknet und dann auf den Scheiterhaufen gelegt. Der Rasierte darf dann das Feuer entzünden. 3 Stunden wird verbrannt. Dann wird das was noch übrig ist (Brustbein des Mannes und Hüfte der Frau verbrennt nie vollständig… aber auch teilweise noch ganze Beine…)  in den Ganges gekippt. Ein paar Inder tauchen im Wasser und suchen Schmuck der Verstorbenen in der braunen Brühe. 

Wir sehen Hunde die in der Asche wühlen und verkohlte Menschenreste suchen. 

Der junge Bursch erklärt uns die verschiedenen Verbrennungsstätten. Ganz unten die niedrigste Kaste. Ganz oben die oberste. Die Reichen kaufen sich Sandelholz, Mango und Banyan … das ist sehr ölig und verhindert den Gestank nach verbrannten Haaren und Haut. Die Armen können sich das nicht leisten… ein bisschen Sandelholzstaub wird oft drüber geleert um es etwas abzumildern. 

Wir stehen direkt neben den Feuern. Es hat 36 Grad…. neben dem Feuer gefühlte 50. Unsere Augen tränen von dem Rauch. Alles ist soo intensiv. Traurig sind wir nicht… es wirkt ja alles sehr friedlich. Aber dass hier alles so öffentlich zelebriert wird… so lieblos irgendwie… das macht mich nachdenklich. Ich hab schon einige mir lieb gewonnene Menschen verloren. Am schlimmsten war der Tod meiner Oma für mich. Die kurze Vorstellung, sie könnte auf so eine Art und Weise verabschiedet worden sein lässt mich schaudern…. 

Für eine Verbrennung braucht man ca 50 kg Holz. Die Armen können sich das oft nicht leisten. Wir spenden 1 kg Holz einer armen Familie. Für die Familie und unser Karma. 

Fotografieren ist übrigens nicht gestattet…deshalb keine Fotos. 

Es ist echt super interessant so hautnah diesen starken Glauben zu erfahren. Aber trotzdem ist uns das alles zu viel. Mir gehts garnicht gut. Ich fühl mich so unwohl in meiner Haut und diese ganzen starken Energien sind einfach zu viel für mich. Ich hab das Gefühl in jeder Ecke lauert das Böse und kann mich einfach nicht entspannen. 

Wir entscheiden raus aus Varanasi zu fahren. Nach Bodhgaya. Das Mekka der Buddhisten. Vielleicht ist es da besser. Vielleicht. Ich hab im Internet ein Charity Projekt gefunden. Eine Schule + Hostel. Da muss es mir doch besser gehn. Wir buchen einen Zug und packen. Hoffentlich ist jetzt Besserung in Sicht. 

2 Kommentare zu „Varanasi – City of Death“

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